Deutschland lässt digitale Chancen weiter ungenutzt
Interview mit Dr. Berndt Birkner
Darmkrebs gehört zu den Krebsarten, bei denen Früherkennung einen besonders großen Unterschied macht. Wird eine Erkrankung früh erkannt, sind die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung oft sehr gut [1]. Trotzdem werden die vorhandenen Möglichkeiten in Deutschland noch immer zu wenig genutzt [2]. Genau deshalb stellt sich zunehmend die Frage, wie Früherkennung einfacher, zugänglicher und alltagstauglicher werden kann, um mehr Menschen zu erreichen.
Dr. Berndt Birkner – Gastroenterologe und Präsident des Netzwerks gegen Darmkrebs – sieht in der Digitalisierung dabei einen wichtigen Hebel. Im Interview mit Preventis erklärt er, warum digitale Werkzeuge in der Darmkrebsfrüherkennung eine immer größere Rolle spielen werden und weshalb smartphone-basierte Lösungen neue Wege eröffnen.
Herr Dr. Birkner, warum hat Deutschland bei der Digitalisierung im Gesundheitssektor einen so großen Aufholbedarf?
„Es ist ein wichtiges Thema, das in der Vergangenheit immer wieder angerissen, aber nie zu Ende geführt worden ist. Gerade deshalb ist es so relevant, weil wir in die Zukunft schauen – und diese Zukunft wird uns etwas bringen, an dem wir nicht vorbeikommen. Gerade in der Früherkennung spielt die Digitalisierung eine große Rolle.
Dazu hat unser Gesetzgeber im letzten Jahr das Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung des Gesundheitswesens verabschiedet. Die entscheidende Frage ist jedoch: Warum muss überhaupt beschleunigt werden? Ganz einfach: Weil Deutschland bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen seit vielen Jahren zu langsam ist. Fast 30 Jahre beschäftigen wir uns nun mit der Thematik, für die es eigentlich längst Strukturen geben sollte.“
Gerade bei der Darmkrebsfrüherkennung zeigt sich, warum das relevant ist. Denn hier geht es nicht nur um bessere Abläufe, sondern um echte Chancen auf Heilung. Wird Darmkrebs früh erkannt, ist die Prognose sehr gut [1]. Umso problematischer ist, dass die Teilnahme an der Früherkennung in Deutschland seit Jahren weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt. Während hierzulande nur ein kleiner Teil der Anspruchsberechtigten (nur 20 %) die Angebote nutzt, erreichen Länder wie die Niederlande oder England mit organisierten Programmen Teilnahmequoten von über 70 % [2].
Das hat einen einfachen, psychologischen Grund: Viele Menschen lehnen Vorsorge nicht aktiv ab – sie schieben sie auf. Solange keine Beschwerden bestehen, fehlt oft der Anlass zu handeln. Hinzu kommen Unsicherheit, Verdrängung oder die Angst vor einem möglichen positiven Befund. Digitale Anwendungen können genau hier ansetzen: Sie machen Früherkennung verständlicher, reduzieren Unsicherheiten und machen die Handlungsschritte verständlich [3].
Warum ist die Digitalisierung gerade in der Dramkrebsfrüherkennung ein so wichtiges Thema?
„Zuallererst muss man verstehen, dass eine Krebsdiagnose für Betroffene ein Schock ist. Deshalb ist es besonders wichtig, Menschen bereits z. B. beim Arztbesuch im ersten Gespräch abzuholen und ihnen Sicherheit und Zuversicht zu vermitteln. Dazu gibt es z. B. eine Arbeit aus dem Jahr 2021, in dem Menschen, die an einer Darmkrebsfrüherkennung teilnehmen sollten, digital darüber informiert wurden, warum Früherkennung wichtig ist und wie sie funktioniert. Im Vergleich zur normalen Aufklärung zeigte sich, dass durch den digitalen Informationsfluss deutlich mehr Menschen zur Darmkrebsfrüherkennung gegangen sind – insgesamt fast 40 Prozent mehr.
Dazu kommt, dass wir einen ganzen Array neuer digitaler Methoden in der Darmkrebsfrüherkennung haben, die uns voranbringen werden. Der Standard ist nach wie vor die Endoskopie und der Stuhltest. Aber wir brauchen – und wir werden es nicht ohne digitale Unterstützung schaffen."
Niedrigschwellige Angebote z. B. sind in der Vorsorge generell wichtig, um Menschen dazu zu bekommen, auch tatsächlich eine Maßnahme durchzuführen. Sie machen Vorsorge konkret umsetzbar. Die unmittelbare Verbindung aus Information und konkreter Handlungsmöglichkeit ist ein zentrale Erfolgsfaktor für viele Beteiligungen.
Welche digitalen Anwendungen können die Teilnahme an der Darmkrebsfrüherkennung verbessern?
„Wir haben bereits seit Jahren ein digitales Werkzeug für die Darmkrebsfrüherkennung. Der SmarTest FIT® Home ist ein smartphone-basierter Schnelltest für die Anwendung zuhause: Der Patient muss lediglich einer kleine Stuhlprobe entnehmen, und den Teststreifen nach 15 Minuten über die Smartphone-Kamera per App auslesen. Der Test ist einfach durchzuführen, das Ergebnis ist quantitativ und kann sogar über die App mit dem Arzt geteilt werden.“
Was ist aus Ihrer Sicht der entscheidende Vorteil des smartphone-basierten Stuhltests?
„Grundsätzlich würde ich immer einen Stuhltest für zuhause empfehlen – aus dem einfachen Grund, weil er die Freiheit zur Entscheidung unterstützt. Der Test kann zu Hause durchgeführt werden, d. h. ich bin zeitlich und räumlich unabhängig. Zudem ermöglicht der smartphone-basierte Schnelltest die unmittelbare quantitative Auswertung, sobald ich die Stuhlprobe entnommen und die Testkassette beträufelt habe. Ich habe innerhalb von 15 Minuten ein präzises Ergebnis ohne Laboreinsendung, und kann sofort daraus Schlüsse ziehen. Beim anderen Verfahren vergehen zwischen Durchführung des Tests und Ergebnis mehrere Tage. Das bedeutet: Ich bin verunsichert – was ist das Ergebnis und was soll ich tun? Das ist bei einem solchen Test nicht der Fall.“
Ist ein smartphone-basierter Stuhltest denn so verlässlich wie ein Labortest?
„Es sind entsprechende Studien durchgeführt worden, u. a. vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), das als führende Exzellenzeinrichtung der biomedizinischen Forschung weltweit gilt. Bei dieser Studie wurde festgestellt, dass zwischen der Analyse im Labor und der Analyse durch den smartphone-unterstützen Stuhltest, der den Teststreifen ebenfalls quantitativ auswertet, kein qualitativer Unterschied besteht. Er ist also vergleichbar mit Laborauswertungen.“
Was muss Digitalisierung im Gesundheitssektor künftig leisten, damit sie medizinisch wirklich Mehrwert schafft?
„Wir müssen unser Gesundheitssystem digitalisieren, damit wir umfassende Gesundheitsdaten generieren und lernen, mit diesen Daten sinnvoll umzugehen. Diese Daten sind entscheidend, um Risikoprofile zu erstellen. Dafür braucht es die Einbindung von Partnern, öffentlichen Institutionen und neue organisatorische Standards. Lösungen wie smartphone-basierte Schnelltests oder Wearables wie Diabetes-Patches können dazu beitragen, Früherkennung niedrigschwelliger zu machen und Vorsorgepfade für alle wirksamer zu gestalten. Der eigentliche Mehrwert entsteht jedoch erst dann, wenn diese Informationen nicht isoliert bleiben, sondern in eine Struktur eingebunden werden, in der sie sinnvoll genutzt, eingeordnet und für Entscheidungen herangezogen werden können. Digitale Ansätze schaffen die Möglichkeit, Gesundheitsdaten in übergreifende Versorgungssysteme wie die elektronische Patientenakte zu integrieren. Das ist ein entscheidender Schritt, wenn Früherkennung künftig nicht isoliert, sondern vernetzt gedacht werden soll – denn nach 30 Jahren Gesetzgebung ohne spürbaren Fortschritt geht es längst nicht mehr um die Frage, was möglich ist, sondern darum, Lösungen, die längst existieren, endlich umzusetzen.“
Über Dr. Berndt Birkner
Dr. Berndt Birkner ist Gastroenterologe und Präsident des Netzwerks gegen Darmkrebs e.V. Seit vielen Jahren setzt er sich politisch für eine stärkere Aufklärung, bessere Vorsorgestrukturen und eine höhere Teilnahme an der Darmkrebsfrüherkennung in Deutschland ein.
Über Preventis
Preventis ist ein deutsches Diagnostikunternehmen mit wissenschaftlichen Wurzeln in der Labordiagnostik. Seit über 20 Jahren entwickelt Preventis innovative Schnelltests und smartphone-basierte Diagnostiklösungen, um Vorsorge alltagstauglicher und zugänglicher zu machen, und sie zu digitalisieren.